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Stellungnahme der Gesamtvertretung von Roller Derby Deutschland zur Richtlinie des Internationalen Olympischen Komitees zum sogenannten „Schutz der Frauen-Kategorie“

Am 26. März hat das Internationale Olympische Komitee eine neue Richtlinie veröffentlicht. Diese soll ab den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 angewendet werden. Nach der neuen Richtlinie soll die Teilnahme in der Frauen-Kategorie in olympischen Einzel- und Teamsportarten an einen verpflichtenden medizinischen Geschlechtstest gebunden sein. 

Wir als Gesamtvertretung von Roller Derby Deutschland lehnen diese Richtlinie entschieden ab. Diese Regelung schützt keine Frauen. Sie schützt Machtstrukturen, Kontrolle und ein rückwärtsgewandtes Verständnis von Geschlecht. Unter dem Deckmantel von Fairness werden trans*, inter* und nicht-binäre* Menschen erneut zu politischen Zielscheiben gemacht. Was hier als Schutz verkauft wird, ist in Wahrheit Ausgrenzung und Überwachung.

Roller Derby war immer ein Sport der Selbstbestimmung, Solidarität und Inklusion. Unsere Community lebt queerfeministische Werte nicht als leere Schlagworte, sondern in der Praxis – auf dem Track, in unseren Strukturen und im Umgang miteinander. Trans*, inter* und nicht-binäre* Menschen gehören selbstverständlich zu unserem Sport. Ihre Existenz ist keine Bedrohung für Fairness. Die tatsächliche Bedrohung ist eine Politik, die Menschen aufgrund ihrer Körper kontrollieren, kategorisieren und ausschließen will.

Die neue Richtlinie wirft aus unserer Sicht erhebliche ethische, soziale und sportpolitische Fragen auf:

Erstens stellt sie einen tiefen Eingriff in die körperliche und persönliche Integrität von Athlet*innen dar. Zwangstests reproduzieren überholte Vorstellungen von Geschlecht und stellen insbesondere Frauen unter Generalverdacht. Damit gefährdet sie ebenso die Sicherheit und Würde von trans und inter Athlet*innen. Diese Gruppen sind international bereits überproportional von Diskriminierung betroffen, erfahren verstärkt Diskriminierung und Stigmatisierung. Der de facto Ausschluss aus dem (Spitzen-)Sport verstärkt dies, insbesondere für trans* Frauen und inter* Personen, zusätzlich. Dies widerspricht klar dem Olympischen Gedanken und setzt ein falsches Signal für gleichberechtigte Teilhabe auf allen sportlichen Ebenen. 

Grafik mit Text: Gender tests are discriminantion dressed as "science"

Zweitens widerspricht diese Maßnahme dem Geist eines fairen und inklusiven Sports. Es ist zu befürchten, dass neben trans* und inter* Personen insbesondere Athlet*innen of color durch die neue Richtlinie diskriminiert werden. Vermeintliche sportliche Fairness darf nicht als Vorwand genutzt werden, um marginalisierte Gruppen systematisch auszuschließen. Fairness, Gleichberechtigung und Sicherheit im Sport können nicht durch den Ausschluss von Einzelpersonen auf Basis eines vereinzelten biologischen Faktors hergestellt werden. Vielmehr braucht es vielfältige Ansätze, um systematische Diskriminierung auszugleichen.

Drittens ist die Richtlinie ineffizient und widerspricht aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Bezug auf Geschlecht. Flächendeckende Geschlechtstests suggerieren zudem eine große Notwendigkeit der Regulierung. Faktisch hat in den vergangenen 30 Jahren ein verschwindend geringer Anteil an nicht cis-geschlechtlichen Athlet*innen an Olympischen Spielen teilgenommen. Keine dieser Personen hat in ihrer Sportart dominiert. Dies zeigt sich deutlich, dass die neue Richtlinie eine politische Maßnahme ist, die aktuelle trans- und interfeindliche Stimmungsmache im Vorfeld der Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 aufgreift – eine moralische Panik unter dem Vorwand des Schutzes von Frauen. 

Wir weigern uns, dabei zuzusehen.

Wir fordern, dass nationale und internationale Sportverbände alles daran setzen sollten, ihre Athlet*innen vor den Auswirkungen dieser Richtlinie zu schützen und insbesondere den Nachwuchs- und Breitensport weiterhin zu einem inklusiven und sichereren Rahmen für Sportler*innen aller Geschlechter zu entwickeln. 

Das Internationale Olympische Komitee und die nationalen Spitzenverbände sollten, statt rechte Kulturkämpfe auf dem Rücken marginalisierter Athlet*innen auszutragen, Maßnahmen ergreifen, um Fairness und Gleichberechtigung für Personen marginalisierter Geschlechter im Sport nachhaltig zu fördern. Dazu zählen die stärkere finanzielle Absicherung des Frauen- und Mädchensports und die Förderung der Forschung zu nicht-endo-cis-männlichen Körpern im Sport. Zudem sollten Konzepte zur Förderung von mehrfach marginalisierten Athlet*innen erarbeitet und umgesetzt werden. 

Als Roller Derby Community stehen wir solidarisch an der Seite aller Athlet*innen, die von dieser Regelung betroffen sind. Sport ist und bleibt politisch. Wir setzen uns weiterhin für einen Sport ein, der offen, gerecht und frei von Diskriminierung ist und arbeiten aktiv daran, dass inklusiver Sport möglich ist. Unsere Strukturen basieren auf Vertrauen, Selbstdefinition und gegenseitigem Respekt. Wir sehen darin keinen Widerspruch zu sportlicher Integrität – im Gegenteil: Vielfalt stärkt unseren Sport.

Grafik: Navi Brainstorm